Fachthema

Plötzlicher Herztod: Wie gefährlich ist Sport in den Bergen?

Jatros, 23.02.2017

Autor:
Univ.-Prof. Dr. Martin Burtscher
Institut für Sportwissenschaft, Bereich Sportmedizin, Universität Innsbruck
E-Mail: Martin.Burtscher@uibk.ac.at

Kardiologie & Gefäßmedizin

Bergwandern, Fels- und Eisklettern, Skifahren und Skilanglaufen zählen zu den beliebtesten Sportarten in den heimischen Bergen. Fälle von plötzlichem Herztod bei der Ausübung dieser Sportarten sind seltene Ereignisse, machen aber etwa 30% aller Todesfälle in den Bergen aus. Männer über 34 Jahre mit bereits vorangegangenem Herzinfarkt oder bestehenden Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bilden die Hauptrisikogruppe. Die sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung, regelmäßige Sportausübung, effektive Therapie bestehender Risikofaktoren und adäquates Verhalten bei der Ausübung des Bergsportes können das Risiko für einen plötzlichen Herztod ganz wesentlich verringern.

Key Points

  • Rund ein Drittel aller Todesfälle bei der Bergsportausübung sind Fälle von plötzlichem Herztod.
  • Hauptgefährdet sind sportlich inaktive Männer über 34 Jahre mit vorbestehenden Risikofaktoren (KHK, Hypertonie, Hypercholesterinämie, Diabetes) und besonders jene, die bereits einen ­Herzinfarkt erlitten haben.
  • Haupttrigger scheint die ungewohnte Belastung an den ersten Tagen des Bergaufenthaltes zu sein. Hauptpräventionsmaßnahmen sind die sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung, Behandlung von Risikofaktoren, spezifische Trainingsvorbereitungen und vernünftiges Verhalten bei der Ausübung des Bergsportes.

Risiko für einen plötzlichen Herztod in den Bergen

Das Todfallrisiko während der Bergsportausübung variiert generell in Abhängigkeit der Sportart und der betrachteten Population. Langzeitbeobachtungen in den österreichischen Bergen dokumentieren eine jährliche Todfallrate pro 100.000 Sportausübende von 0,8 beim alpinen Skilauf, 4,0 beim Bergwandern und 6,8 beim Fels- und Eisklettern.1 Hauptursachen sind Abstürze, Lawinenverschüttung, Aufprallunfälle und zu fast 30% nicht traumatische Ereignisse. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um unerwartete Todesfälle, die in kurzer Zeit nach den ersten Symptomen zum Tod führen, per definitionem „plötzliche Herztodesfälle“.2 Dieser Anteil ist besonders groß bei jenen Sportarten, die auch von vielen älteren Personen ausgeübt werden, wie zum Beispiel dem alpinen Skilauf, Skilanglauf oder Bergwandern. Etwa 90% aller plötzlichen Herztodesfälle erleiden Männer über 34 Jahre, wobei das Risiko mit zunehmendem Alter steil ansteigt.1, 2 Wird das Risiko innerhalb dieser Personengruppe näher betrachtet, ergibt sich jeweils 1 plötzlicher Herztodesfall pro ~400.000 Skilanglaufstunden, pro ~800.000 Bergwanderstunden und pro ~1.500.000 Skifahrstunden.3 Werden allerdings beim alpinen Skilauf nur die Belastungszeiten (Abfahrten) berücksichtigt, ist das Risiko etwa mit jenem beim Skilanglauf vergleichbar. Diese Risikoberechnungen decken sich gut mit Beobachtungen bei anderen sportlichen Tätigkeiten, die nicht in der Höhe durchgeführt werden.4, 5 Daraus muss vorerst abgeleitet werden, dass die Höhe per se keinen bedeutenden Einfluss haben dürfte. Das Risiko, einen plötzlichen Herztod beim Bergsport zu erleiden, ist offensichtlich gering, aber im Vergleich zur entsprechenden Normalpopulation (1/3.370.000) doch 2- bis 8-fach erhöht.3, 6 Studien zeigten, dass dieses Risiko auch in Tallage bei starker körperlicher Belastung bis um das 17-Fache gegenüber ruhenden Personen ansteigen kann, besonders wenn die betroffenen Personen nicht an körperliche Belastung gewöhnt sind.7 Somit dürfte die ungewohnte bergsportliche Aktivität von Risikopersonen den Haupttrigger für die plötzlichen Todesfälle in den Bergen darstellen. Die Kenntnis und Berücksichtigung verantwortlicher Risikofaktoren und günstiger Modifikationen des Haupttriggers bilden eine wichtige Grundlage für die Erarbeitung wirkungsvoller Präventivmaßnahmen.

Risikofaktoren für plötzlichen Herztod

Multivariate Analyseverfahren ergaben für die Hauptrisikogruppe von Männern über 34 Jahre, dass bestimmte unabhängige Risikofaktoren für das plötzliche Herztodereignis beim Bergwandern, Skifahren und Skilanglaufen prädiktiv sind.8, 9 Besonders bemerkenswert ist das rund 100-­fach (!) erhöhte Risiko für einen plötzlichen Herztod beim Skifahren für Männer, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben.8 Bei Skilangläufern erhöht ein vorangegangener Myokardinfarkt das Risiko für einen plötzlichen Herztod knapp 20-fach, bei Bergwanderern etwa 10-fach.3, 9 Eine bestehende Hypertonie steigert dieses Risiko beim Skifahren etwa 10-fach und ist bedeutsamer als beim Skilanglauf oder Bergwandern. Weitere Risikofaktoren sind eine bestehende koronare Herzkrankheit (KHK) ohne vorangegangenen Myokardinfarkt, Hypercholesterinämie und Diabetes. Hervorzuheben ist, dass regelmäßige sportliche Aktivität eine Reduktion des Risikos für plötzlichen Herztod um etwa 60–85% bewirken kann.8, 9 Dabei scheinen regelmäßige Aktivitäten mit hoher Intensität (>1/Woche) beim Skifahren mehr protektive Wirkung zu haben als beim Skilanglauf oder Bergwandern, was die Bedeutung einer spezifischen Vorbereitung für die verschiedenen Bergsportarten unterstreicht. Skilanglaufen und Bergwandern sind vorrangig durch dynamisch konzentrische Muskelarbeit und aerobe Energiebereitstellung charakterisiert, Skifahren hingegen besonders durch statische und dynamisch exzentrische Arbeitsweisen mit teilweise anaerober Energiebereitstellung. Damit verbunden sind beim Skilanglauf und Bergwandern ein relativ hoher Sauerstoffbedarf mit hohen Herzminutenvolumina, aber nur moderaten Anstiegen des Doppelprodukts (Herzfrequenz x systolischer Blutdruck), beim Skifahren sind es eher moderate Herzminutenvolumina, aber oft markante Anstiege von Blutdruck und Doppelprodukt10 (Abb. 1).

Auslöser für plötzlichen Herztod

Es ist ganz besonders der erste Tag der Bergsportausübung, an dem das Risiko für einen plötzlichen Herztod auffallend groß ist. Rund 50% aller Herztodesfälle ereignen sich am ersten Urlaubstag.3, 8, 9 Überdies wird eine deutliche Häufung plötzlicher Herztodesfälle in den späten Vormittagsstunden und mit zunehmender Dauer seit der letzten Rast mit Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr beobachtet.3, 8, 9 Die Aktivität in den späten Vormittagsstunden, die ungewohnte physische und psychische Belastung durch Bergsport, Dehydrierung und Entleerung von Glykogenspeichern scheinen alle ähnliche interne Trigger für plötzliche Herz-Kreislauf-Ereignisse auszulösen. Eine sympathoadrenerge Aktivierung mit abrupter Zunahme von Herzfrequenz und Blutdruck und nachfolgendem hämodynamischem Stress, erhöhtem Sauerstoffbedarf und Thrombozytenaktivierung mit gesteigerter Thrombogenität werden als verantwortliche Mechanismen diskutiert.3, 7, 11 Verständlicherweise können auch extreme Umweltbedingungen wie Kälte, Hitze und Höhe (Sauerstoffmangel) zusätzliche Stressoren darstellen. Obwohl aus unseren Analysen die Höhe nicht eindeutig als Risikofaktor hervorgeht, gibt es dennoch Hinweise, dass eine Akklimatisation in mittlerer Höhenlage nicht nur die Leistungsfähigkeit in der Höhe verbessert, sondern auch das Risiko für plötzlichen Herztod zu reduzieren scheint. Diese Annahme geht aus der Beobachtung hervor, dass die erste Übernachtung vor der Bergsportausübung in einer Höhenlage nahe jener der Sportausübung am folgenden Tag mit einer deutlichen Reduzierung des Herztodrisikos verbunden ist.12 Außerdem scheint gerade Skifahren ein einzigartiges Modell hypoxischer Präkonditionierung (wiederholte Hypoxieexpositionen bei Auf- und Abfahrt) darzustellen.13 Präventive Wirkungen treten sofort (für 2–3 Stunden) und dann später wieder nach einem etwa 24-stündigen vulnerablen Intervall für längere Dauer (Tage) auf.13 Solche Risikomodifikationen konnten wir in unseren Analysen auch tatsächlich nachweisen, was zu der Empfehlung führte, an den ersten 1–2 Tagen nur bei geringer Intensität und nicht länger als 2–3 Stunden Ski zu fahren.13

Präventivmaßnahmen

Aus den Ergebnissen der erwähnten Untersuchungen können besonders folgende Präventivmaßnahmen abgeleitet werden:

  • sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung
  • Therapie bestehender Risikofaktoren
  • spezifische Trainingsvorbereitungen
  • Verhaltensempfehlungen bei der Sport­ausübung

Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung
Eine sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung sollten generell alle inaktiven Personen, die mit sportlichen Aktivitäten starten, vornehmen lassen. Ganz besonders gilt diese Empfehlung für Männer über 34 Jahre, bei bestehenden Risikofaktoren und natürlich bei allfälligen Beschwerden bei körperlicher Belastung. Diese Untersuchung dient nicht nur dazu, möglicherweise vorhandene Risiken für Herz-Kreislauf-Ereignisse aufzudecken, sondern auch, um den Fitnessgrad zur Beurteilung für die „Bergtauglichkeit“ und als Trainingsbasis zu erheben.14

Therapie bestehender Risikofaktoren
Besonders strenge Maßstäbe sind für Postinfarktpatienten anzulegen, die beabsichtigen, weiterhin Ski zu fahren. Nur eine optimale Behandlung bestehender Risikofaktoren und ausreichend hohe Belastungstoleranz rechtfertigen eine derartige Empfehlung. Eine adäquate medikamentöse Therapie (KHK, Hypertonie, Hypercholesterinämie, Diabetes) und Kontrolle des Therapieerfolges sind vor (Wieder-)Aufnahme alpinsportlicher Aktivitäten vorzunehmen.

Spezifische Trainingsvorbereitung
Neben der Verbesserung der allgemeinen Ausdauerleistungsfähigkeit ist gerade auch auf die Entwicklung einer sportart­spezifischen Belastungstoleranz zu achten. Das bedeutet für den Skilangläufer neben dem Ausdauertraining der Beinmuskulatur auch Training der Armmuskulatur, z.B. am Handkurbel- oder Ruderergometer. Statische und dynamisch exzentrische Trainingsinhalte, z.B. Abfahrtshocke und Sprungübungen, steigern die spezifische Belastungstoleranz des Skifahrers. Als grobe Richtwerte für die allgemeine Ausdauerleistung sollten eine maximale Sauerstoffaufnahme von mindestens 25ml/min/kg und/oder eine maximale Leistung von 2 Watt/kg am Fahrradergometer erreicht werden, um den konditionellen Anforderungen üblicher Bergsportausübung gerecht zu werden.

Verhaltensempfehlungen bei der Bergsportausübung

  • Ruhe oder nur geringe Belastungen besonders an den ersten 1–2 Tagen des Bergaufenthaltes
  • Individuelle Belastungswahl (nach Belastungsempfinden, z.B. Walk-and-Talk-Methode)
  • Regelmäßige Pausen mit Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr (Intervalle von 30 bis 60 Minuten)

Fazit

Der plötzliche Herztod bei der Bergsportausübung ist ein seltenes Ereignis; allerdings steigt das Risiko bei Männern über 34 Jahre mit vorbestehenden Risikofaktoren und besonders mit bereits vorangegangenem Myokardinfarkt deutlich an. Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchungen und regelmäßige Sportausübung unter Berücksichtigung der sportartspezifischen Belastung stellen die wichtigsten Präventivmaßnahmen dar.

Literatur: