Fachthema

Kampfsport aus sportmedizinischer Sicht

Jatros, 23.02.2017

Autor:
Dr. Lukas Negrin, MSc
Facharzt für Unfallchirurgie, Universitätsklinik für Unfallchirurgie, Wien
ÖAK-Diplom Sportmedizin, 5. Dan Taekwondo, langjähriges Mitglied der Österreichischen Taekwondo-Nationalmannschaft
E-Mail: lukas.negrin@meduniwien.ac.at

Orthopädie & Traumatologie | Allgemeinmedizin

Ziel dieses Artikels ist es, die positiven Effekte asiatischer Kampfsportarten aufzuzeigen, auf potenzielle negative Folgen, die bei übermäßigem Ausüben auftreten können, hinzuweisen und den betreuenden Sportärzten wichtige Informationen zu übermitteln.

Keypoints

  • Asiatischer Kampfsport bietet aus sportmedizinischer Sicht eine hervorragende Möglichkeit, alle körperlichen Hauptbelastungsformen zu trainieren – bei geringem Verletzungsrisiko und geringem Risiko für chronische Schäden am Stütz- und Bewegungs­apparat.
  • Seine Ausübung führt zur Verbesserung von körperlicher Fitness, Balance, Psyche und Allgemeinbefinden.
  • Selbst ältere Neueinsteiger – ob gesund oder mit Vorerkrankungen – profitieren vom Training.
  • Mit einem erhöhten Risiko für akute Verletzungen und Überlastungserscheinungen muss nur dann gerechnet werden, wenn der Kampfsport wettkampfmäßig betrieben wird.

„Kampf“ kann in Form von „Kunst“ oder „Sport“ ausgeübt werden. Grundsätzlich bezeichnet man als Kampfkunst jeden Stil, der Fertigkeiten und Techniken der ernsthaften körperlichen Auseinandersetzung mit einem Gegner beschreibt, ohne Regeln festzulegen. Dabei stehen die Selbstverteidigung und das Verhalten in echten Gefahren- oder Konfliktsituationen im Vordergrund, mit dem Bestreben, den Gegner mit allen Mitteln und möglichst schnell zu besiegen. Aus der Kampfkunst entwickelt sich Kampfsport, wenn sie nach einem genau festgelegten Regelwerk ausgeübt wird, wodurch ein sportlicher Vergleich in Form eines Wettkampfs ermöglicht wird. Dieser wird hauptsächlich in einem Zweikampf ausgetragen. Er kann aber auch in einer anderen Bewerbsform, wie zum Beispiel dem Bruchtest oder dem Formenlauf, der alleine oder im Team absolviert werden kann, erfolgen (Abb. 1).

Allen asiatischen Kampfsportarten gemeinsam ist, dass sie nicht nur physische Kampftechnik, sondern auch Philosophie und Lebensweise lehren. Diese sogenannte „innere Kampftechnik“ beschreibt eine besondere, in der jeweiligen Kultur und Tradition begründete geistige Haltung, die durch den Kampf gelebt und praktiziert wird. Das Training basiert auf einer Kombination aus physischen konditionellen und koordinativen Fähigkeiten (Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Gewandtheit und Koordination) unter strikter Vermeidung einseitiger Belastung, gepaart mit der Vermittlung kultureller Grundwerte (Respekt, Gerechtigkeit, Ehrgefühl, Disziplin, Geduld, Stetigkeit, Bescheidenheit und Höflichkeit). Es fördert die Einheit von Körper und Geist und stärkt Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. „Wer Kampfsport trainiert, der lernt, aufrecht zu gehen. Man hat eine gewisse Art aufzutreten, ist nicht mehr Opfer. Man lernt, in Stresssituationen zu beobachten und dosiert zu reagieren. Man ist nicht gezwungen, aus Angst gleich zuzuschlagen“ (Prim. Univ.-Prof. DDr. Josef Niebauer, MBA, Vorstand des Instituts für Sportmedizin des Landes Salzburg; Medizin populär 4/2012). Ultimatives Ziel jedes Trainierenden sollte das Erleben des Alltags in völliger Harmonie von Körper und Geist sein.

Die populärsten Kampfsportarten sind Aikido, Judo, Jiu-Jitsu, Karate und Kendo aus Japan, Kung-Fu und Wing Tsun aus China und Taekwondo aus Korea. Auf Letzterem liegt – bedingt durch meinen sportlichen Hintergrund – das Hauptaugenmerk dieses Artikels. Taekwondo, frei übersetzt „die Kunst des Fuß- und Handkampfes“, ist eine fast 2.000 Jahre alte, waffenlos ausgeübte, schnelle und dynamische Kampfkunst, bei der sowohl Hände als auch Füße zur Verteidigung eingesetzt werden dürfen, wobei aber im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten die Fußtechniken überwiegen (fast 80%). Seit 2000 ist Taekwondo olympische Disziplin.

Einstieg für Kinder und Erwachsene

Judo eignet sich bereits für Kleinkinder, die im Training spielerisch raufen und richtig fallen lernen, wobei ihre Kraft und Ausdauer gleichermaßen geschult werden. Da die meisten Knaben und Mädchen erst im Alter von 8 bis 10 Jahren ein ausreichend differenziertes Gewaltverständnis entwickeln, sollen im Normalfall Taekwondo und Karate erst ab diesem Alter praktiziert werden. In beiden Sportarten deckt das ganzheitliche Training das komplette Bewegungsausmaß sämtlicher Körperabschnitte in allen Raumebenen ab und beugt daher chronischen Schäden am Bewegungsapparat vor. Die Durchführung des Kampfschreis soll schüchterne Kinder dazu motivieren, aus sich herauszugehen. Positive Erfahrungen im Vergleich mit Gleichaltrigen steigern das Selbstvertrauen sowie die Bereitschaft, vor die Gruppe zu treten und erlernte Techniken zu präsentieren. Aufgeweckte Kinder bauen ihre Aggressionen durch das Ausüben formalisierter Bewegungen ab. Sie werden ruhiger, drängen sich weniger in den Vordergrund, akzeptieren Regeln und lernen, sich in die Gruppe zu integrieren.
Neueinsteiger im Erwachsenenalter sollten sich auf jeden Fall einem sportmedizinischen Test unterziehen. Es sollte jene Kampfsportart gewählt werden, deren Anforderungsprofil aufgrund der körperlichen Voraussetzungen erfüllt werden kann, wobei generell die Intensität des Trainings dem jeweiligen Gesundheitszustand angepasst werden muss.

Wissenschaftlich nachgewiesene positive Aspekte

Taekwondo-Training führt bei präpubertären Knaben zu einer verbesserten posturalen und neuromuskulären Leistung.1 11- bis 14-jährige Taekwondo-Schüler und -schülerinnen weisen im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Kampfsporttraining ein verbessertes Aufmerksamkeitsverhalten, eine erhöhte Genauigkeit bei Funktionstests sowie eine (durch ihre Eltern eingeschätzte) verbesserte Verhaltenskontrolle auf.2 Pons van Dijk et al untersuchten den Effekt des altersadaptierten Taekwondo-Trainings bei über 40-jährigen Neueinsteigern. Eine Stunde Taekwondo-Training pro Woche im Zeitraum eines Jahres verbesserte sowohl Balance als auch kognitive Fähigkeiten der Studienteilnehmer.3 Dieser positive Effekt wird auch durch ein nicht erschöpfendes Training erzielt – eine wichtige Tatsache für alle Kampfsportler, die sich aufgrund von kardiovaskulären und respiratorischen Vorerkrankungen nicht ausbelasten können und sollen. Kim et al konnten nachweisen, dass Taekwondo-Training die „Körperintelligenz“ und zerebrale Konnektivität vom Kleinhirn zum parietalen und frontalen Kortex verbessert.4 Kampfsport kann aber nicht nur bei gesunden Menschen, sondern auch als Ergänzung in der Rehabilitation zur Haltungskorrektur eingesetzt werden. Byun et al zeigten an Volksschulkindern mit Fehlhaltungen, dass Taekwondo-Basisbewegungen, die dreimal pro Woche für insgesamt acht Wochen ausgeführt wurden, eine signifikante Verbesserung der Nacken-, Schulter- und Beckeninklination bewirkten.5

Wettkampfsport

Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio werden die Kampfsportarten Boxen, Ringen, Judo, Taekwondo und zum ersten Mal auch Karate vertreten sein. In einem Zweikampf, besonders wenn er taktisch geführt wird, liegt der Großteil der Belastung im rein aeroben Bereich, wobei während explosiver Angriffsfolgen Laktatkonzentrationen von 15 bis 20mmol/l im Blut erzielt werden können.6 Um im Wettkampf erfolgreich zu sein, sind daher ein ausreichendes Training der Grundlagenausdauer, das leider von vielen Sportlern als monoton und langweilig erachtet wird, und ein spezifisches anaerobes laktazides Training zur Verbesserung der Laktattoleranz unabdingbar. Weitere Grundpfeiler des Erfolges sind Technik, Kraft, Beweglichkeit und Reaktionsschnelligkeit, für deren Verbesserung ausreichend Zeit in der Trainingsplanung veranschlagt werden muss.

Akute Verletzungen

Während sich Freizeit-Kampfsportler im Allgemeinen nur relativ selten verletzen, steigen Anzahl und Schwere akuter Verletzungen bei Leistungssportlern deutlich an. Als häufigste Ursachen werden ein ungenügendes Warm-up (22,4%), ein Schlag des Trainingspartners (19,4%), ein ungenügender physischer Trainingszustand (8,9%) und eine ungenügende Schutzausrüstung (8,9%) genannt.
Asiatische Kampfsportarten weisen generell eine sehr hohe lineare Beschleunigung bei Fußtritten auf, die bis zu fünffach höher als jene bei Faustschlägen im Boxsport sein kann.7 Die kumulative Verletzungshäufigkeit bei allen asiatischen Kampfsportarten beträgt 41,8% für die unteren Extremitäten, 28,0% für die oberen Extremitäten, 15,0% für Rumpf/Thorax/Wirbelsäule, 10,0% für Kopf/Hals und 4,7% für die restlichen Körperteile (Sammelstelle für die Statistik der Unfallversicherung UVG). Zetaruk et al analysierten die Verletzungen bei der Ausübung von fünf verschiedenen Stilen (Taekwondo, Aikido, Kung-Fu, Karate und Tai-Chi) in einem Zeitraum von einem Jahr. Bei Taekwondo fanden sie ein dreifach erhöhtes Verletzungsrisiko und ein dreimal so hohes Mehrfachverletzungsrisiko im Vergleich zu Karate.8 Den Kampfsportlern aller fünf Stile war ein vierfach erhöhtes Risiko bei einem Alter über 18 Jahre, ein 2,5-fach erhöhtes Risiko bei einer Trainingserfahrung über drei Jahre und ein zweifach erhöhtes Risiko bei einem Trainingspensum von über drei Stunden pro Woche gemeinsam. Laut Altarriba-Bartes et al, die 48 Elite-Taekwondo-Athleten über zwei Olympiazyklen hinweg begleiteten, muss ein Hochleistungswettkämpfer mit vier bis fünf Verletzungen pro Jahr rechnen, wobei hauptsächlich die unteren Extremitäten – Knie (21,3%), Fuß (17,0 %), Sprunggelenk (12,2%), Oberschenkel (11,4%) und Unterschenkel (8,8%) – betroffen sind.9 Niedrige Gewichtsklasse und Wettkampfphase konnten als Risikofaktoren für das Erleiden von Verletzungen identifiziert werden.

Übliche Empfehlungen der sportartspezifischen Verletzungsprophylaxe sind im Kampfsport nur bedingt zielführend, weil das Training propriozeptiver und koordinativer Fähigkeiten ohnehin den Grundstock der sportlichen Ausbildung darstellt. Da das Training variabel gestaltet wird und Dehnübungen ein integraler Bestandteil sind, treten muskuläre Verkürzungen, Dysbalancen und Verkettungssyndrome im Vergleich zu anderen Sportarten eher selten auf. Im Wettkampf sollten nur ausreichend qualifizierte Kampfrichter eingesetzt werden, die bei Ungleichheit der Kontrahenten rechtzeitig erkennen, wann sie schützend einschreiten und den Kampf abbrechen müssen.

Chronische Überlastungserscheinungen

Überlastungssyndrome, die definitiv zu den Schattenseiten eines exzessiven Kampfsporttrainings zählen, sind bei fast allen langjährigen Leistungssportlern zu finden (Abb. 2). Bei ihnen werden wegen ihrer normalerweise ausgezeichnet geschulten propriozeptiven Fähigkeiten chronische Band­instabilitäten, die hauptsächlich nach multiplen Distorsionen vor allem am Knie und am Sprunggelenk entstehen, meistens erst in höhergradigen Stadien klinisch symptomatisch und erfordern oftmals eine operative Behandlung.
Bedingt durch die regelmäßig durchgeführten hohen, mit maximaler Flexion und Abduktion im Hüftgelenk ausgeführten Tritte leiden Leistungssportler häufig auch an einem Hüftimpingement. Da die klinische Untersuchung oft nicht ausreichend aussagekräftig ist, erfolgt die Diagnosesicherung vorzugsweise mittels Magnetresonanzarthrografie. Bei mäßiger Manifestation sollte primär ein konservativer Therapieansatz versucht werden.
Weil Fußtritte zu einer endgradigen Hyperextension und Außenrotation im Knie führen, treten bei Kampfsportlern Meniskusläsionen vor allem im Bereich des Außenmeniskusvorderhorns auf. Die Diagnosesicherung mittels MRT ist nicht immer konklusiv und darf nur zusammen mit der Klinik interpretiert werden.
Im Bereich des Vorfußes findet man häufig einen Hallux rigidus, der zumindest teilweise durch erlittene Kapseldistorsionen bedingt ist. Auch hier sollte primär ein konservativer manualmedizinischer Therapieversuch (eventuell in Kombination mit einer Infiltration) durchgeführt werden.

Aufgabe des betreuenden Arztes

Generell sollte die medizinische Betreuung von Leistungssportlern Leistungstests und Ernährungsberatung beinhalten. Letztere spielt besonders vor Wettkämpfen eine wichtige Rolle, da der Erhalt einer Gewichtsklasse oft nur durch kurzfristiges und intensives Abnehmen erreicht werden kann. Liegen Überlastungsverletzungen vor, ist in der Vorbereitungsphase eine geeignete Trainingsumstellung im Sinne einer Sekundärprophylaxe anzustreben. Um Verletzungen vor Turnieren möglichst zu verhindern, sollte das Vollkontakttraining nicht oder nur sehr gut geschützt durchgeführt werden. Vor dem Wettkampf muss das medizinische Team grippale Infekte und gastrointestinale Probleme effizient und ohne Verletzung der Dopingrichtlinien behandeln. Während des Wettkampfes muss es im Falle einer offenen Wunde eine rasche und suffiziente Blutstillung gewährleisten, die Voraussetzung für die Fortsetzung eines Kampfes ist. Es obliegt einzig und allein dem Sportarzt, den Grad und die drohenden Folgeschäden einer akuten Verletzung zu beurteilen, im Falle eines ernsthaften Traumas konsequent den Abbruch des Kampfes zu veranlassen und noch vor Ort eine adäquate Erstversorgung zu gewährleisten, auch wenn der Sportler wegen seines hochgefahrenen Adrenalinspiegels die Notwendigkeit einer Kampfaufgabe nicht unbedingt verstehen kann.

Besorgniserregender Trend

Der Begriff „Mixed Martial Arts“ (MMA) bezeichnet einen relativ modernen, aus Brasilien und den USA stammenden Vollkontaktsport, der Techniken aus verschiedenen Kampfsportarten beinhaltet und meistens in Form von Käfigkämpfen ausgeübt wird, wobei Schlag- und Tritttechniken sowie Bodenkampf- und Ringertechniken erlaubt sind. Auch weil – im Gegensatz zu asiatischen Kampfsportarten – im Bodenkampf weiter geschlagen und getreten werden darf, erinnern Käfigkämpfe an Gladiatorenkämpfe im alten Rom. Laut Bledsoe et al liegt bei professionellen MMA-Kämpfen ein mit anderen Kampfsportarten (inklusive Boxen) vergleichbares Verletzungsrisiko vor, wobei das Risiko, an Dementia pugilis­tica zu erkranken, im Vergleich zum Boxen sogar geringer sein soll.10 Meiner Meinung nach muss dieses Ergebnis hinterfragt werden, da noch keine Langzeitergebnisse präsentiert werden können. Wegen der ausgesprochenen Brutalität und des minimalistischen Regelwerks kann ich das MMA-Konzept nicht befürworten, da es trotz seiner sehr jungen Geschichte bereits zu 13 mit MMA-Kämpfen assoziierten und dokumentierten Todesfällen geführt hat.

Der Inhalt dieses Artikels war Thema eines Vortrags bei der Sportärztewoche, 4.–9. Dezember 2016, Kaprun

Literatur: