Fachthema

Neues zur Hausstaubmilbenallergie

DAM, 22.12.2016
Prim. Dr. Christof Ebner
Allergie-Ambulatorium Reumannplatz, Wien E-Mail: christof.ebner@allamb.at

Allgemeinmedizin

Sie sind mit freiem Auge nicht erkennbar, besiedeln zu Tausenden unsere Wohnräume, bleiben jedoch für gewöhnlich völlig unbemerkt. Bei Allergikern rufen die Hausstaubmilben allerdings lästige, zum Teil gesundheitsgefährdende Symptome hervor, und das verstärkt in der Heizperiode. Neben der heute routinemäßig als subkutane Injektionskur durchgeführten spezifischen Immuntherapie wird schon bald eine sublingual verabreichbare Alternative zur Verfügung stehen.

Die Hausstaubmilbe

Der Staub im Wohnbereich besteht zu rund 50% aus anorganischen Substanzen wie Steinstaub, Kalk und Kunststofffasern und zur anderen Hälfte aus organischem Material wie Schimmelpilzen, menschlichen und tierischen Hautschuppen sowie Haaren, Federn, Naturfasern und Lebensmittelresten. Dieses Milieu bietet den perfekten Lebensraum für Hausstaubmilben (HSM). Die HSM gehören zur Familie der Spinnentiere, sie sind mikroskopisch klein (ca. 0,3mm) und mit dem freien Auge nicht sichtbar. HSM ernähren sich in erster Linie von den Hautschuppen, daher auch ihr Name: Dermatophagoiden (griechisch: Hautfresser). Sie sind Teil der mikrobiellen Flora um uns und eigentlich unschädlich, wenn man von ihrer Potenz, Allergien auszulösen, absieht. Ihr wichtigster Wohnraum ist das Bett. Die höchsten Milbenkonzentrationen werden in Bettdecken, Kopfpolstern, Plüschtieren und in Matratzen gefunden. Auch Polstermöbel stellen einen bevorzugten Lebensraum der Milben dar. Teppiche und Teppichböden werden mitbesiedelt, sie sind aber erst in zweiter Linie von Interesse. Die HSM benötigt, um zu überleben – und um sich zu vermehren –, eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit (über 60%) und Temperaturen über 24°C. Diese idealen Voraussetzungen findet sie im Bett vor: hohe Temperatur, Feuchtigkeit und ausreichend Nahrung. Die Allergene sind vorwiegend in den Ausscheidungen der Milbe enthalten, in 1g Hausstaub aus der Matratze befinden sich, je nach Milbenbelastung, rund 10.000 solcher Kotbällchen. Diese zerfallen, werden mit dem Hausstaub aufgewirbelt, eingeatmet und können dann bei disponierten Personen zu einer allergischen Sensibilisierung führen. Im ländlichen Raum kann die Milbenflora anders zusammengesetzt sein als im städtischen Bereich. In manchen Haushalten, aber auch an den Arbeitsplätzen können sogenannte Speicher- oder Vorratsmilben dominieren und für Allergien verantwortlich sein. Typische Vertreter sind Lepidoglyphus mainei, Tyrophagus putrescentiae oder Acarus siro. Es besteht klinisch und diagnostisch eine breite Kreuzreaktivität mit den Dermatophagoides, es kommen aber durchaus auch speziesspezifische Sensibilisierungen vor.

Der Hausstaubmilbenallergiker

Haustaubmilbenallergiker leiden meist unter einer sehr typischen inhalativen Symptomatik. Die Nase ist in der Nacht blockiert, der Patient erwacht morgens schlecht erholt mit verschleimten Atemwegen und muss niesen oder husten. Die Symptomatik bessert sich normalerweise untertags, tritt aber bei jeglicher Staubbelastung, z.B. bei Reinigungsarbeiten, wieder auf. Unbehandelt führt die HSM-Allergie oft auch zu Problemen an den unteren Atemwegen wie zu chronischer Bronchitis und allergischem Asthma. Außerdem können bei intensivem, großflächigem Kontakt (z.B. im Bett) auch allergische Hautreaktionen ausgelöst werden. Eine HSM-Allergie ist oft Auslöser von Juckreiz, der manchmal sogar als einziges Symptom auftritt, und von urtikariellen Reaktionen. Die HSM ist aber auch ein wichtiger Auslöser bzw. Triggerfaktor der atopischen Dermatitis.

Diagnostik der Hausstaubmilbenallergie

Die allergologische Anamnese ergibt den Verdacht bei typischer Symptomatik (s.o.). Da es sich um eine Allergie vom Soforttyp (Typ-I-Reaktion nach Coombs und Gell) handelt, wird zunächst ein Pricktest am Unterarm durchgeführt. Dieser zeigt die typische Quaddel-/Erythemreaktion bei den diagnostischen Milbenextrakten, der Labortest beweist anschließend spezifische IgE-Antikörper gegen Allergene der HSM im Blutserum. Die Allergiediagnostik der HSM-Allergie hat eine ausgezeichnete Sensitivität und Spezifität. Getestet wird in der Routine mit Gesamtextrakten aus den typischen Vertretern der HSM: Dermatophagoides pteronyssinus und Dermatophagoides farinae. Eine Detailuntersuchung auf diverse andere Milbenspezies, wie z.B. Vorratsmilben, ist manchmal sinnvoll. Zusätzlich stehen für die In-vitro-Diagnostik mehrere rekombinante Einzelallergenkomponenten zur Verfügung. Der p1 und Der p2 sind die Hauptallergene der HSM. Deswegen werden mit diesen speziellen Allergenen auch alle allergologischen Diagnostika und Immuntherapie-Impfstoffe standardisiert. Es empfiehlt sich daher, vor Einleitung einer spezifischen Immuntherapie durch einen Labortest sicherzustellen, dass der zu behandelnde Patient tatsächlich gegen diese Hauptallergene allergisch ist, da über 20 andere Minorallergene der HSM bekannt sind. Eine weitere testbare Allergenkomponente ist Der p10, ein Protein aus der Familie der Tropomyosine (Muskelproteine). Patienten, die auf dieses Allergen reagieren, sind häufig auf Basis einer Kreuzreaktion auch gegen korrespondierende Tropomyosine von Schalen- und Weichtieren allergisch. Sie leiden somit unter einer Nahrungsmittelallergie gegen Krebstiere (Garnelen, Krabben, Hummer), Tintenfische, Muscheln und Schnecken.

Therapie der Hausstaubmilbenallergie

Zunächst sind alle Bemühungen darauf zu konzentrieren, die Allergenbelastung zu reduzieren. Da die höchsten Milbenkonzentrationen in Schlafräumen gefunden werden, wird zu einer Hausstaubmilbensanierung geraten (Tab. 1) und der Patient mit Fachinformation versorgt. Leichte allergische Symptome sind durch HSM-Sanierung und milde symptomatische Therapie gut beherrschbar. Die pharmakologische Therapie besteht in der Verordnung eines nicht sedierenden Antiallergikums und einer Lokaltherapie an der Nase (am besten wirken intranasale Steroide). Bei allergischem Asthma muss natürlich zusätzlich eine adäquate inhalative Therapie durch den Lungenfacharzt verordnet werden. Die einzige Möglichkeit der kausalen Therapie ist eine Impfkur (spezifische Immuntherapie). Die HSM-Allergie ist entsprechend der Leitlinie der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI) eine gute Indikation für eine spezifische Immuntherapie. Diese sollte von einem Allergologen eingeleitet werden. Die Immuntherapie für HSM-Allergie wird heute routinemäßig als subkutane Injektionskur über 3 Jahre durchgeführt. Nach rezenten positiven Studienergebnissen wird – wie schon bei den Pollenallergien – aber auch bei der HSM-Allergie in der Zukunft die sublinguale Immuntherapie (SLIT) eine sehr gute Alternative bieten.

Literatur: