Fachthema

Wie begegnet man Impfskeptikern?

DAM Digital, 30.01.2017

Interview-Partner:
OMR Dr. Peter Arends
Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Güssing
Referent für Impfangelegenheiten a.D. der Ärztekammer für Burgenland
E-Mail: arends@aon.at
Interview geführt von:
Dr. Christian Euler

Allgemeinmedizin

Gerade in den Wintermonaten, wenn viele Infektionserkrankungen Hochsaison haben, macht sich die schleichende Impfmüdigkeit breiter Bevölkerungsschichten alljährlich auf denkbar unangenehme Weise bemerkbar. Auch für die Impfmedizin gilt, dass nachhaltige Präventionsmaßen zum Wohl der Allgemeinbevölkerung bereits im Kindesalter ansetzen. Im Gespräch erklärt der Pädiater und langjährige Impfreferent der Burgenländischen Ärztekammer, Dr. Peter Arends, Güssing, mit welchen Argumenten Skepsis und Nachlässigkeit gegenüber dem Impfen entkräftet werden können.


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Herr Dr. Arends, Sie praktizieren seit 1984 als Kinderarzt. Ich habe den subjektiven Eindruck, dass in den 1980er-Jahren Dynamik in einen bis dahin fast monolithisch dastehenden Impfplan gekommen ist, eine Dynamik, die bis heute andauert. Haben diese regelmäßigen Änderungen des Impfschemas Unsicherheit und Zweifel mit sich gebracht?
P. Arends:
Eine Änderung des offiziellen Impfplanes verunsichert Eltern nicht, wenn man ihnen den Sinn der Änderung erklärt. In den 1970er-Jahren kursierten häufig Epidemien sogenannter „Kinderkrankheiten“. Hinter dieser verniedlichenden Bezeichnung verbergen sich schwere Krankheitsverläufe mit bleibenden neurologischen Schäden oder Todesfolge. Als Beispiel sei die Poliomyelitis angeführt, die den Namen „Kinderlähmung“ trug. Diese verharmlosende Benennung einer als schicksalhaft empfundenen Epidemie von Infektionen im Kindesalter trug in sich die Wehrlosigkeit gegenüber diesen Infektionskrankheiten.
Mit den segensreichen Massenimpfungen gegen eine große Zahl an Infektionskrankheiten ab Mitte der 1970er-Jahre verminderten sich bzw. verschwanden viele dieser Krankheiten. Weil allerdings mit der nächsten Generation auch die Erinnerung an diese entsetzlichen Epidemien erlosch, entwickelte sich zunehmend eine Aversion gegen Impfungen, weil sie teilweise Schmerzen oder erhöhte Körpertemperaturen verursachten.

Die Erstimpfungen neugeborener Kinder nehmen eine Sonderstellung ein. Der Impfling ist nicht die Person, die eine Vakzination veranlasst. Eine für Kinderärztinnen und -ärzte alltägliche Situation: Einer wird behandelt, ein anderer muss damit zufriedengestellt werden. Ist damit nicht das Fundament für Skepsis und Unzufriedenheit gelegt?
P. Arends:
Die Verbreitung dieser Skepsis gegenüber Impfungen hat ihren Siegeszug durch die Entwicklung moderner Informationsmedien begonnen – vom Kabel-TV bis zu den neuesten Smartphones. Dabei werden zusehends Informationen via PC oder Handy untereinander ausgetauscht, die einer Weitergabe von Empfindungen, nicht aber Wahrheiten entsprechen und vielfach auch nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfbar sind. Es werden lediglich Gefühle ausgetauscht und verstärkt. Die lawinenartige Ausbreitung bewusst falscher Informationen erleben wir ja zurzeit in erschreckender Weise im Hinblick auf die sogenannte „Flüchtlingskrise“.

Diese „Informationsflut“ wiegt bei impfskeptischen Eltern besonders schwer. Übrigens: der „Impfpapst“ Prof. Ingomar Mutz unterscheidet zwischen Impfskeptikern und Impfgegnern, was ich sehr treffend finde. Wie denken Sie darüber?
P. Arends:
Trotz dieser Dauerkampagne gegen die Impfungen erreichen wir Ärzte eine hohe Durchimpfungsrate bei den Neugeborenen bis zu den Schulkindern. Das ist zuvorderst ein Beweis, dass die Eltern den Haus- und Kinderärzten bisher noch mehr Vertrauen schenken. Es gelingt mit viel Arbeit, Impfskeptiker zu überzeugen. Auch neue Impfungen wie gegen HPV oder Meningokokken der Gruppe B werden zunehmend angenommen. Bei militanten Impfgegnern ist hingegen Hopfen und Malz verloren. Ich lasse mich dabei nicht in ermüdende Diskussionen um des Kaisers Bart ein, sondern beruhige sie (und mich) damit, dass die Geimpften auch die Impfablehnenden schützen.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Zeit vor 30 Jahren, als in zumeist politisch links stehenden Kreisen sogenannte „Masernparties“ gefeiert wurden …

Bieten sich Kompromisse zwischen dem empfohlenen vollen Impfprogramm und einer in unseren Breiten absolut indizierten Minimalvariante an?
P. Arends:
Natürlich ist ein Kompromiss im Einzelfall besser, als gar nicht zu impfen. Wenn nach einer Impfung keine unangenehme Nebenwirkung auftritt, sind die Eltern eher bereit, beim nächsten Mal ein wenig mehr über ihren Schatten zu springen. Sie haben als impfender Arzt dann eher die Eltern auf Ihrer Seite. Es läuft Ihnen nichts davon: Geduld bringt Früchte.

Ich persönlich habe für meine Beratungsgespräche schon Unterscheidungen getroffen: Tetanus, Polio, Masern/Mumps/Röteln, Hepatitis B – absolut indiziert. Krankheiten, gegen die es Impfungen gibt, die man aber auch behandeln kann, Stichwort Pneumokokken, Meningokokken – keine absolute Indikation. Außerdem stehen Impfungen zur Verfügung, die das Erkrankungsrisiko verringern, nicht aber aus der Welt schaffen. Da war ich schon kompromissbereit.
P. Arends:
Gerade bei Ihren Beispielen wollte ich keinen Kompromiss mittragen. Pneumokokken können bei Säuglingen und Kleinkindern nicht „nur“ eine bakterielle Pneumonie verursachen, sondern auch eine bakterielle Meningitis, in gravierenden Fällen stirbt das Kind.
Bakterielle Meningitiden ziehen zudem immer, oft bleibende, leichte bis schwere neurologische Komplikationen, wie Epilepsie, erhöhten infantile Zerebral-Parese (ICP), Hörschäden etc., nach sich. Besonders für die Meningokokken gilt: wenige Erkrankungen – maximal 80 pro Jahr –, aber im Erkrankungsfall Tod innerhalb von 24 Stunden oder schwere neurologische Folgen.
Hier sei auch gleich das Thema „Impfschäden“ erwähnt: Jede größere Kinderklinik hat eine Anlaufstelle für diese Fälle. In Graz ist es Prof. Dr. Werner Zenz, an der klinischen Abteilung für allgemeine Pädiatrie (E-Mail: werner.zenz@medunigraz.at). An der Kinderklinik Wien arbeitet DDr. Wolfgang Maurer über Impfschäden (E-Mail: wolfgang.maurer@meduniwien.ac.at).
Das Procedere ist dabei folgendermaßen: Der Haus- oder Kinderarzt meldet das Kind mit den Eltern ad personam an, um ihnen über diese für sie unangenehme Schwelle zu helfen, alle relevanten Unterlagen werden mitgenommen, und es erfolgt ein ausgiebiges Gespräch mit ausgiebigem Brief an den überweisenden Arzt.
Wir sollen die Sorgen um einen Impfschaden jedenfalls nicht als unsinnig abtun.

Zurzeit wird die Rolle der Titerbestimmung als Impferfolgsnachweis hinterfragt. Verunsichert das die Kollegenschaft?
P. Arends:
Die Titerbestimmung wird sehr selten ins Gespräch gebracht. Das ist ein Scheinthema, weil es unerheblich ist, wenn eine Impfung nicht zu dem vorgesehenen Zeitpunkt erfolgt ist. Man kann ja nachimpfen. Ein vollständiger Neubeginn einer Impfung ist meistens nicht notwendig. Doch Angehörige medizinischer und Sanitätsberufe oder Lehrer, Kindergartenpersonal etc. sollten in etwa die Impfabstände einhalten.

Unlängst hörte ich folgenden Konfirmationsspruch: „Sei standhaft in Bedrängnis“ – das könnten wir zum Abschluss auch den Impfärzten zurufen. Impfen schützt und impfen nützt dem Einzelnen und der Allgemeinheit. Ihr Bekenntnis soll uns bestärken. Vielen Dank für das Gespräch!