Thema

Körperliche Aktivität bei Multipler Sklerose – State of the Art

Leading Opinions, 01.12.2016

Autor:
Serge Brand, PD Dr. phil.
E-Mail: serge.brand@unibas.ch Universitäre Psychiatrische Kliniken der Universität Basel Zentrum für Affektive-, Stress- und Schlafstörungen und Universität Basel Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit Fachbereich Sportwissenschaft, Abteilung Sport und Psychosoziale Gesundheit
Autor:
Dena Sadeghi Bahmani, MSc
Psychiatrie

Die Anzahl evidenzbasierter Studien und Übersichtsarbeiten, die das Konzept von «Exercise is Medicine» belegen, nimmt stetig zu, und diese Beobachtung gilt auch für Patienten mit Multipler Sklerose (MS). Es gibt hinreichend Belege, dass regelmässige körperliche Aktivität (KA) den somatischen und vor allem den psychischen Verlauf der MS günstig beeinflusst.

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Keypoints

  • Regelmässige körperliche Aktivität (KA) beeinflusst günstig den somatischen Verlauf der MS; die Effektstärken sind klein; die Relapsrate scheint sich zu verringern, die Mobilität sich zu erhöhen und die Progression sich zu verlangsamen.
  • Regelmässige KA beeinflusst günstig den psychischen Verlauf der MS; die Effektstärken sind moderat bis hoch.
  • Regelmässige KA beeinflusst günstig die neurokognitive Leistung; die Effektstärken sind moderat bis hoch.
  • Regelmässige KA wie Yoga, Jogging, Klettern oder Aquafit verringern Symptome der Depression, Fatigue und
    Parästhesie.
  • Insgesamt zeigen alle sorgfältig durchgeführten Studien, dass regelmässige KA in keinem Fall den Verlauf und die Symptomatik der MS beeinträchtigt.

Die Multiple Sklerose ist eine chronische und entzündliche Krankheit des Zentralnervensystems (ZNS). Der Krankheitsbeginn liegt häufig im frühen und mittleren Erwachsenenalter; ätiologisch wird eine Interaktion zwischen ungünstigen Umweltbedingungen und einer genetischen Prädisposition angenommen. Die Prävalenzraten für die USA liegen bei ca. 400 000;1 weltweit leiden ca. 2,5 Mio. Personen an MS, und eine zunehmende Prävalenz und Inzidenzrate werden beobachtet.2

Im Zusammenhang mit regelmässiger körperlicher Aktivität wurde in den letzten 25 Jahren ein Paradigmenwechsel beobachtet: Wurde von anstrengender oder regelmässiger KA wohl aufgrund der vorübergehenden Zunahme neurologischer Symptome abgeraten, werden unterdessen Patienten mit MS ermutigt, sich ausgiebig und regelmässig körperlich aktiv zu betätigen.3, 4 Entsprechend fehlen wissenschaftliche Hinweise, dass regelmässige KA den Krankheitsverlauf der MS ungünstig beeinflusst.3

Einfluss von körperlicher Aktivität auf den Krankheitsverlauf

Regelmässige KA hat das Potenzial, objektiv gemessene Fitnessparameter zu erhöhen5–7 und die Nebenfolgen der medikamentösen MS-Behandlung und eines inaktiven Lebensstils wie Übergewicht, metabolisches Syndrom, Diabetes, Osteoporose und Bluthochdruck zu verringern. Weiter berechneten Pilutti et al 20148 in einer Metaanalyse, dass regelmässige KA das Relapsrisiko für weitere MS-Schübe leicht verringert. Dieses Resultat konnten jedoch Tallner et al 20129 nicht in dieser Klarheit feststellen, die 632 Patienten mit MS über einen Zweijahreszeitraum beobachteten: Körperlich sehr aktive und körperlich wenig aktive Patienten wiesen nach zwei Jahren statistisch keine unterschiedlichen Relapsraten auf; trotzdem war deskriptiv die Relapsrate bei sehr aktiven Patienten niedriger. Dalgas und Stenager10 kommen 2012 wie Motl und Pilutti11 in ihrer systematischen Literaturübersicht zum Schluss, dass regelmässige KA den Verlauf der MS günstig beeinflussen könne («disease-modifying potential»), wobei die Befundlage aufgrund methodologischer Unterschiede (objektive vs. subjektive Messung der KA; Patientengrösse; körperliche Beeinträchtigung [EDSS: Expanded Disability Status Scale]; Art, Frequenz, Intensität und Dauer der KA) eine schlüssige und einheitliche Aussage noch nicht zulasse.

Snook und Motl12 sind in ihrer Metaanalyse der Frage nachgegangen, ob regelmässige KA den Grad der körperlichen Beeinträchtigung («disability») beeinflussen könne, und hielten fest, dass der Einfluss von regelmässiger KA auf die Gehfähigkeit günstig, jedoch gering («small») sei. Weiter zeigten Motl und Kollegen13, dass vor allem der Umfang an regelmässiger KA vor Ausbruch der MS prädiktiv für eine verringerte Krankheitsprogression war, nicht jedoch der Umfang an regelmässiger KA nach Ausbruch der MS. In diesem Zusammenhang zeigten Sadeghi Bahmani et al14, dass sich bei Ausbruch der MS das Ausmass an moderater KA nicht von demjenigen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterschied. Patienten mit MS gaben jedoch weniger anstrengende («vigorous») KA an. Ebenfalls zeigten Motl und McAuley15, dass eine Abnahme an regelmässiger KA im 6-Monats-Verlauf nach Diagnosestellung mit einer Zunahme der körperlichen Beeinträchtigung einherging. Die Autoren interpretierten das verringerte Aktivitätsniveau als Verhaltenskorrelat, nicht jedoch als Ursache für eine zunehmende körperliche Beeinträchtigung. Prakash und Kollegen16, 17 untersuchten den Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und Hirnvolumen und beobachteten, dass eine höhere kardiorespiratorische Fitness mit grösserem Volumen an grauer Substanz und grösserer Integrität der weissen Substanz assoziiert war; die kardiorespiratorische Fitness war ferner prädiktiv für die kortikale Plastizität. Die Befunde von Prakash et al legen somit nahe, dass bei Patienten mit MS regelmässige KA mit erhöhtem neuronalem Volumen und mit erhöhter kortikaler Plastizität assoziiert ist. Weiter konnten Bansi und Kollegen18, 19 zeigen, dass schon dreiwöchige Sportinterventionen zu deutlichen Verbesserungen von Immunsystemmarkern (siehe auch Florindo20) und Neurotrophinen führten.

Einfluss von körperlicher Aktivität auf die Psyche

Mehrere Übersichtsartikel belegen mittlerweile, dass regelmässige KA nachhaltig günstige Effekte bei Patienten mit depressiven Störungen hat21–24, und dieses Resultatemuster zeigt sich auch bei Patienten mit MS25–28. Regelmässige KA hatte ebenfalls einen sehr günstigen Einfluss auf die Fatigue7, 28–30 und die Parästhesie28 (Missempfindungen). Beispielhaft soll die Studie von Razazian et al28 näher beschrieben werden: 54 Frauen mit diagnostizierter MS wurden auf drei Studienbedingungen randomisiert: Yoga, Aquafit und eine Kontrollbedingung; die Interventionen fanden zweimal pro Woche statt; die Kontrollgruppenteilnehmenden trafen sich ebenfalls zweimal pro Woche; zu Beginn und acht Wochen nach Studienabschluss füllten die Teilnehmerinnen Fragebögen zu Depression, Fatigue und Parästhesie aus. Während in der Kontrollgruppe keine Veränderungen zu beobachten waren, gaben die Teilnehmerinnen in den beiden Interventionsgruppen an, nach Abschluss der Studie deutlich weniger depressiv zu sein und deutlich weniger an Fatigue und Missempfindungen zu leiden. Keine Unterschiede wurden zwischen der Yoga- und der Aquafit-Bedingung beobachtet.

Insgesamt weist eine mittlerweile stattliche Anzahl an methodologisch sehr gut durchgeführten Studien darauf hin, dass regelmässige KA bei Patienten mit MS zu deutlichen Verbesserungen der Befindlichkeit führt.

Körperliche Aktivität bei MS – wie weiter?

Inaktivität ist mittlerweile der Hauptfaktor für das Auftreten und Aufrechterhalten einer Vielzahl somatischer und psychischer Störungen31–33, und während bei gesunden Personen Zeitmangel als Hauptgrund für unzureichende KA angegeben wird, sind MS-assoziierte Symptome wie motorische Einschränkungen und Fatigue zusätzliche Belastungsfaktoren4. Unabhängig davon sind wir der Überzeugung, dass vermehrte regelmässige KA auch bei MS-Betroffenen die Lebensqualität rasch und nachhaltig verbessert. Hierbei hat die Arbeitsgruppe um Ekkekakis34–38 gezeigt, dass Freude und eine verbesserte Stimmung während und nach der KA prädiktiv sind für die Motivation, regelmässig körperlich aktiv zu bleiben. Weiter haben Mothes und Kollegen39 gezeigt, dass schon alleine die Vorstellung und Einstellung, dass regelmässige KA für Körper und Geist gesund sei, tatsächlich auch zu verbesserten physiologischen Parametern nach dem Training geführt hatte. Idealerweise sollte somit KA als Gewohnheit in den Alltag integriert werden: Man tut’s einfach mit einem Minimum an bewusster Kontrolle und ohne grosse Willenskraft und Motivationsaufwand. Zukünftige Interventionen sollten die neusten Erkenntnisse aus dem Bereich der Sport- und Motivationspsychologie berücksichtigen, sodass erlernt wird, gegenüber körperlicher Aktivität eine positive Einstellung zu entwickeln. Hilfreich sind hierbei praktische Anleitungen wie Erinnerungshinweise (Post-its, Turnschuhe beim Eingang platzieren), verbindliche soziale Abmachungen (vgl. Mota-Pereira et al40), konkrete und einfache Motivationsstrategien41 sowie die Anpassung der Bewegungsempfehlungen an die Bedürfnisse und Möglichkeiten von Patienten mit MS42.

Literatur: