Fachthema

Jahrestagung der DGHO, OeGHO, SGMO und SGH

Wichtige Erkenntnisse vom DGHO 2016

Jatros, 22.12.2016
Prof. Dr. Bernhard Wörmann
Medizinischer Leiter, Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie
E-Mail: woermann@dgho.de
und
Ambulantes Gesundheitszentrum der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum, Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie
E-Mail: bernhard.woermann@charite.de

Onkologie

Auch der diesjährige Kongress der deutschsprachigen Fachgesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie in Leipzig vom 14. bis 18. Oktober 2016 stand ganz unter dem Eindruck der zunehmend präzisen Diagnostik und der Flut neuer Arzneimittel, vor allem in der Onkologie. Kongresspräsident Prof. Hochhaus aus Jena hatte den Kongress unter das Goethe-Zitat aus dem „Faust“ „Blut ist ein ganz besondrer Saft“ gestellt. „Faust“-Zitate passen auch inhaltlich zur heutigen Situation von Ärzten und Forschern.

Auf der einen Seite wussten wir noch nie so viel über die Entstehung und die Behandlung von Krebs- und Blutkrankheiten wie heute. Auf der anderen Seite müssen wir besonders kritisch, patientenbezogen und gleichzeitig gesellschaftsorientiert das Neue abwägen und Relevantes von Interessantem unterscheiden.
Die Auswahl „Best of“ aus mehr als 750 wissenschaftlichen Beiträgen ist immer subjektiv, auch unfair. Jeder der über 5.700 Teilnehmer würde eine eigene, andere Rangliste erstellen. Meine Zusammenfassung wird weniger von Einzelergebnissen als von Trends bestimmt.

Grippe bei Krebspatienten

Passend zur Jahreszeit wurden die Auswirkungen der Grippesaison 2015 bei Patienten mit Tumorerkrankungen analysiert. Vortragender war Daniel Teschner aus Mainz1 für die Arbeitsgruppe von Prof. Lilienfeld-Toal in Jena und die AGIHO (Arbeitsgemeinschaft Infektionen in der Hämatologie und Onkologie). Insgesamt wurden 203 Patienten ausgewertet. Influenza A dominierte gegenüber Influenza B. Bei 39% der Patienten wurde eine Grippe, bei 27% eine Pneumonie, bei 26% eine Infektion der oberen Luftwege diagnostiziert. 13% der Patienten mussten auf der Intensivstation behandelt werden, die Letalität betrug 9%.
Fazit: Influenza-Infektionen bei immungeschwächten Krebspatienten sind eine ernst zu nehmende, frühzeitig zu diagnostizierende und konsequent zu behandelnde Komplikation.

Molekulargenetische Diagnostik beim kolorektalen Karzinom

Mark-Oliver Zahn aus Goslar2 hat die Daten des klinischen Tumorregisters Kolorektales Karzinom (TKK) zur Bestimmung des RAS-Mutationsstatus bei Patienten mit metastasiertem Dickdarmkrebs vorgestellt. Das Register umfasst inzwischen über 6.000 Patienten. Die Analyse zeigt den deutlichen Anstieg durchgeführter Mutationstests von etwa 55% im Jahr 2008 auf über 80% im Jahr 2014, aber keinen weiteren Anstieg im Jahr 2015.
Fazit: Bei etwa 20% der Patienten mit metastasiertem kolorektalem Karzinom wird der prädiktive RAS-Mutationstest nicht durchgeführt.

FOLFOX/Bevacizumab + Irinotecan in der Erstlinientherapie des metastasierten kolorektalen Karzinoms

Alle starren auf die neuen Arzneimittel, aber auch aus dem bisher Vorhandenen ist noch mehr herauszuholen. Alexander Stein3 hat die Ergebnisse der randomisierten Phase-II-Studie CHARTA-AIO KRK 0209 der AIO an 242 Patienten mit metastasiertem kolorektalem Karzinom vorgestellt. FOLFOXIRI + Bevacizumab führte im Vergleich zu FOLFOX + Bevacizumab zu einer Verlängerung des progressionsfreien Überlebens (Hazard-Ratio: 0,77; Median 2,2 Monate; p=0,06). Der Unterschied war am stärksten ausgeprägt bei Patienten mit RAS-Wildtyp (Hazard-Ratio: 0,67; Median 3,5 Monate).
Fazit: FOLFOXIRI + Bevacizumab ist möglicherweise die wirksamste Erstlinientherapie beim metastasierten kolorektalen Karzinom mit RAS-Wildtyp.

Crizotinib beim ROS1-translozierten Adenokarzinom der Lunge

Das metastasierte, nicht kleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC) ist das Paradebeispiel für den Paradigmenwechsel von der histologisch zur molekulargenetisch gesteuerten Diagnostik. Crizotinib ist zugelassen für die Erst- und Zweitlinientherapie des ALK+-NSCLC. In einer deutsch-spanischen Kooperation, vorgestellt von Sebastian Michels aus Köln,4 wurde eine Phase-II-Studie zur Wirksamkeit von Crizotinib bei NSCLC-Patienten mit ROS1-Translokationen untersucht. Bei 34 von etwa 6.000 gescreenten Patienten war eine ROS1-Translokation nachweisbar und die Reaktion auf Crizotinib auswertbar. Die Sequenzierung war der FISH-Methodik überlegen. In der Therapieauswertung hatten alle positiv sequenzierten Patienten auf Crizotinib angesprochen, zwei falsch-positiv diagnostizierte Karzinome aus der FISH-Diagnostik nicht.
Fazit: Mittels Sequenzierung nachgewiesene ROS1-translozierte Adenokarzinome der Lunge sind hoch sensitiv gegenüber Crizotinib.

Inflammatorische Serummarker als Prognoseparameter bei Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereiches

Zur Standardtherapie bei metastasierten Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereiches gehören platinhaltige Chemotherapie, Anti-EGFR- und seit Kurzem auch Anti-PD-L1-Antikörper. Michael Pogorzelski aus Essen5 hat die prognostische Relevanz inflammatorischer Serumparameter in einer Kohorte von 105 Patienten untersucht. Alle Patienten erhielten eine platinhaltige Chemotherapie + Cetuximab. Besonders gute Diskriminatoren zwischen einer guten und einer ungünstigen Prognose waren das Verhältnis von Thrombozyten zu Leukozyten, CRP, Anämie und der modifizierte Glasgow-Prognose-Score (niedriges CRP, hohes Albumin).
Fazit: Einfach zu bestimmende Serummarker erlauben die Identifikation von Patienten mit ungünstiger Prognose unter der bisherigen Standardtherapie.

PD-L1-Expression als prognostischer Biomarker bei Plattenepithel­karzinomen des Kopf-Hals-Bereiches (HNSCC)

Tim Müller aus Bonn6 war Erstautor einer Arbeit zur Analyse der prognostischen Relevanz der histologischen PD-L1-Expression in Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereiches. Untersucht wurde zunächst eine Trainingskohorte von 98 Patienten, gefolgt von der Testkohorte mit 195 Patienten. Patienten mit einer hohen Expression von PD-L1 hatten eine signifikant schlechtere Prognose, Patienten ohne PD-L1-Expression eine sehr gute Prognose.
Fazit: PD-L1 ist nicht nur ein geeignetes Ziel für die Immuntherapie, sondern identifiziert auch eine Population mit besonders ungünstiger Prognose.

Nachweis von RAS-Mutationen in „liquid biopsies“ von Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereiches unter Cetuximab-Therapie

„Blut ist ein ganz besondrer Saft“ trifft jetzt zunehmend auch auf die Onkologie zu. „Liquid biopsies“ erlauben den sensitiven Nachweis von relevanten Genveränderungen bei Patienten mit soliden Tumoren. Minna Voigtländer aus Hamburg7 stellte die longitudinale Analyse von RAS-Mutationen in „liquid biopsies“ bei Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereiches unter Cetuximab-Therapie vor. Neu erworbene RAS-Mutationen waren in den „liquid biopsies“ nachweisbar und sagten eine Resistenz auf die Anti-EGFR-Therapie vor klinischem Progress voraus.
Fazit: Resistenz-assoziierte Mutationen sind in „liquid biopsies“ frühzeitig nachweisbar.

Neue Arzneimittel in der Onkologie – nachhaltige Wirksamkeit

Einer der roten Fäden der Jahrestagung war die Integration der vielen neuen Arzneimittel in die praktische Versorgung. Abbildung 1 zeigt, bei wie vielen Krankheitsbildern zwischen 2011 und 2016 mindestens ein oder oft mehrere neue Arzneimittel von der European Medicines Agency (EMA) zugelassen und auf dem deutschen Markt eingeführt worden sind.
Eine der großen Hoffnungsträger ist die Immuntherapie mit Checkpoint-Modulatoren. Sie sind bei vielen Tumorentitäten wirksam, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Entscheidendes Kriterium zur Bewertung der Wirksamkeit der neuen Arzneimittel ist der patientenrelevante Endpunkt. Besonders vielversprechend ist die mögliche Rate von Langzeitüberlebenden. Abbildung 2 fasst anhand der Ergebnisse von vier aktuell publizierten, randomisierten Studien bei nicht kleinzelligem Lungenkarzinom die Überlebensraten (ÜLR) nach 18–24 Monaten zusammen.
Fazit: Zur nachhaltigen Bewertung der Wirksamkeit neuer Arzneimittel ist die Überlebensrate ein geeigneter Parameter. Die Erhebung erfordert Geduld.

Literatur: