Fachthema

Pneumokokken: Risikogruppen und Bedeutung des Impfschutzes

DAM, 17.11.2016

Autor:
Prim. i. R. Univ.-Prof. Dr. Ingomar Mutz
St. Marein im Mürztal
E-Mail: mutz.ingomar@speed.at

Allgemeinmedizin | Infektiologie

Pneumokokkenerkrankungen betreffen altersabhängig besonders Kinder in den ersten Lebensjahren sowie Senioren. Die Schutzwirkung der Pneumokokkenimpfung wurde vielfach nachgewiesen. Nur bei ausreichender Durchimpfungs­rate wird die Schutzwirkung durch eine Herdenimmunität möglich.

Bei Säuglingen und Kleinkindern treten als Folge einer Pneumokokkeninfektion schwere invasive Erkrankungen wie Sepsis und/oder Meningitis auf, welche eine Letalität von ca. 9% haben bzw. in ca. 28% der Fälle zu neurologischen Dauerschäden führen. Ältere Menschen werden oft durch Kontakt mit Kleinkindern angesteckt und erleiden schwere Atemwegserkrankungen. Besonders gefährdet, unabhängig vom Alter, ist auch eine kleine durch chronische Erkrankungen abwehrgeschwächte Hochrisikogruppe.

Zur Hochrisikogruppe gehören Patienten

  • mit funktioneller oder anatomischer Asplenie (Sichelzellanämie, andere schwere Hämoglobinopathien, angeborenes oder meist posttraumatisch bzw. operativ verursachtes Fehlen der Milz)
  • mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten, wie z.B. Hypogammaglobulinämie, Komplement- und Properdindefekten, HIV-Infektion
  • mit Cochleaimplantat oder Liquorfistel
  • vor Organtransplantation, nach Stammzelltransplantation, mit nephrotischem Syndrom, vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie
  • mit chronischen Krankheiten wie z.B. Krankheiten der blutbildenden Organe, neoplastischen Krankheiten, Herz-Kreislauf-Krankheiten (außer Hypertonie), Krankheiten der Atmungsorgane (Asthma, Emphysem, COPD), Diabetes mellitus oder anderen Stoffwechselkrankheiten, Leberzirrhose, chronischer Niereninsuffizienz, nephrotischem Syndrom

sowie Kinder mit

  • Gedeihstörungen (= Körpergewicht unter der 3. Perzentile)
  • neurologischen Krankheiten wie z.B. Zerebralparesen oder Anfallsleiden

Ein Impfstoff gegen die wichtigsten der über 90 Serotypen von Pneumokokken ist seit 1977 verfügbar (PPV14), der derzeit verfügbare PPV23 seit 1983. Diese Polysaccharidimpfstoffe sind in den ersten beiden Lebensjahren kaum wirksam und überhaupt schlecht boosterbar. Die Entwicklung eines konjugierten Impfstoffes (PNC) brachte ab dem Jahr 2000 eine entscheidende Verbesserung: PCN hat eine Wirksamkeit von ~95% und eine hervorragende Boosterwirkung. Diese Impfstoffe enthielten zuerst 7 (PNC7), dann 10 (PNC10), zuletzt 13 Antigene (PNC13) gegen die verschiedenen Serotypen der Pneumokokken, wobei wegen der höheren Zahl von Antigenen auch der ursprüngliche Polysaccharidimpfstoff weiterverwendet wird.

Die Impfung ist meist nur gegen die im Impfstoff enthaltenen Serotypen wirksam. Der Impfschutz ist auch nicht 100%ig (80–95%) und stark von der altersbedingten Immunitätslage abhängig. Dies findet in den Impfschemata zur Erstimmunisierung und für nachfolgende Auffrischungsimpfungen Berücksichtigung.

Die Impfung gegen Pneumokokken ist für Kinder ab dem vollendeten 2. Lebensmonat bis zur Vollendung des 5. Lebensjahres und für Erwachsene ab dem 50. Lebensjahr allgemein empfohlen. Weitergehende Empfehlungen gibt es für Personen aller Altersgruppen mit erhöhtem Risiko für eine Pneumokokkeninfektion bzw. einen schwereren Verlauf einer solchen.

Für die Risikokinder wird zusätzlich zur normalen PNC-Impfung die Gabe einer PPV23 ab dem Beginn des 3. Lebensjahres bzw. bei späterer Erstimpfung mit PNC mit einem Abstand von mindestens 8 Wochen empfohlen. Außerdem sollen Risikopersonen (ab dem 6. Lebensjahr) bei Erstimpfung mit PNC7 eine Nachimpfung mit PNC13 plus PPV23 erhalten. Zu einer eventuell schon erhaltenen PPV23-Impfung sollte immer ein Abstand von 5 Jahren eingehalten werden. Tabellarisch übersichtlich sind diese Empfehlungen im Impfplan 2016 des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen (BMGF) enthalten (Tab. 1 und 2).

Die Schutzwirkung der Pneumokokkenimpfung wurde sowohl immunologisch durch Antikörperbestimmung als auch in Feldversuchen vielfach nachgewiesen. Eine optimale Schutzwirkung durch eine Herden­immunität ist nur bei ausreichender Durchimpfungsrate und bei Beeinflussung der Zahl der Keimträger erreichbar. Für Senioren sind Erstimpfungen umso besser wirksam, je früher ein Antigen eingesetzt wird; deshalb wurde die Empfehlung zur Impfung schon ab dem Alter von 50 Jahren abgegeben. Bei schwerer Immundefizienz kann möglicherweise überhaupt kein Impfschutz erreicht werden. Die Kontrolle des Impfschutzes durch Antikörperbestimmung muss für jeden Serotyp gesondert durchgeführt werden, was bisher nur in wissenschaftlichen Studien umsetzbar ist.

Ausreichende Durchimpfungsraten sind meist nur durch kostenfreie Impfprogramme erzielbar. Diese Strategie hat durch das kostenlose Säuglingsimpfprogramm auch in Österreich zu einem von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) nachgewiesenen statistisch signifikanten Rückgang von invasiven Erkrankungen bei Kleinkindern durch die im Impfstoff abgedeckten Serotypen ergeben. In anderen Ländern (z.B. Niederlande) mit ausreichender Durchimpfung von Senioren hat sich auch die Effektivität von PNC13 gegen Pneumonien und invasive Pneumokokkenerkrankungen gezeigt.

Literatur: