Fachthema

Vitamin-K-Antagonisten und direkte orale Antikoagulanzien

Praxis-Check: Wer bekommt welche Medikamente?

Jatros, 27.10.2016
Claudia Stöllberger
Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien
Cand. med. Thomas Schuh
Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien
E-Mail: thomas.schuh@extern.wienkav.at
(Korrespondenz)
Berthold Reichardt
Burgenländische Gebietskrankenkasse, Eisenstadt

Kardiologie & Gefäßmedizin | Allgemeinmedizin

Aufgrund mehrerer randomisierter Studien wurden im Verlauf der letzten Jahre direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) als Alternativen zu Vitamin-K-Antagonisten (VKA) zugelassen. Welchen Patienten wir welche orale Antikoagulanzien verschreiben, wissen wir im Überblick nicht. Durch die Einführung der direkten oralen Antikoagulanzien hat sich auch einiges bei unseren Verschreibungen verschoben – welche Auswirkungen dies auf die VKA-Verschreibungen hatte, wissen wir ebenfalls nicht. Daher haben wir uns entschlossen, diese Frage zu untersuchen.

Key Points

  • Zahl aller OAK-Verordnungen: 2011–2014: +43%
  • DOAK-Verordnungen verfünffacht
  • VKA-Verordnungen +2%
  • Durchschnittsalter 2011: VKA = 72a, DOAK = 68a
  • Durchschnittsalter 2014: VKA = 73a, DOAK = 74a
Über 80-Jährige
  • VKA-Verordnungen von 26% auf 21% gesunken
  • DOAK-Verordnungen von 1% auf 12% gestiegen
Über 90-Jährige
  • VKA-Verordnungen stabil bei 2%
  • DOAK-Verordnungen vervierzigfacht

In den Studien, die zur Zulassung von direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) für die Prävention von thromboembolischen Ereignissen bei Vorhofflimmern geführt haben, lag das Alter der Patienten zwischen 70 und 72 Jahren. Das Altersspektrum der Patienten, denen orale Antikoagulanzien verschrieben werden, ist weitgehend unbekannt. Welche Patienten bekommen DOAK und welche VKA? Auch darüber gibt es bisher keine Daten aus Österreich. Deswegen haben wir anhand der Daten von 13 Sozialversicherungsträgern die Altersstruktur jener Patienten untersucht, die in Österreich in den Jahren 2011 bis 2014 eine orale Antikoagulation erhalten haben. Die pseudonymisierten Daten enthielten Informationen über das Geschlecht, das Geburtsdatum, gegebenenfalls über das Todesdatum, den Wohnbezirk und die Therapie.

Allgemeine Ergebnisse

Die Zahl der Patienten, denen eine orale Antikoagulation verordnet wurde, stieg von 2011 bis 2014 um 43%. Die Zahl der Patienten, die mit einem DOAK behandelt werden, hat sich im betrachteten Zeitraum fast verfünffacht, wohingegen sich die Anzahl der Patienten, denen VKA verordnet werden, nur um 2% erhöhte. Diese Zahlen sind in Tabelle 1 dargestellt.

Im Jahr 2011 war das Durchschnittsalter der VKA-Patienten mit 72 Jahren höher als jenes der DOAK-Patienten mit 68 Jahren, während im Jahr 2014 das Durchschnittsalter der Patienten mit VKA niedriger war (73 Jahre) als jenes der Patienten mit DOAK (74 Jahre).

Subgruppenanalyse

Besonders stechen die Subgruppen der über Achtzig- und Neunzigjährigen heraus. Der Anteil jener Patienten über 80 Jahre, die VKA erhielten, ging von 26% aller OAK-Verordnungen auf 21% zurück, während der Anteil an Personen dieser Altersgruppe, denen DOAK verordnet wurden, von 1% auf 12% anstieg. Bei den über Neunzigjährigen blieb der Anteil der Patienten, die einen VKA erhielten, relativ stabil bei 2% (von 3.316 auf 5.858 Patienten), wohingegen der Anteil jener Patienten, die ein DOAK erhielten, sich vervierzigfachte (von 91 auf 4.296 Patienten).

Zwischen 2011 und 2014 sind die Verordnungzahlen für VKA pro 100.000 Versicherten gleich geblieben oder leicht gesunken, jedoch bei Patienten über 75 Jahre vor allem in den Jahren 2013 und 2014 kontinuierlich gesunken (Abb. 2).
In den Verordnungen von DOAK pro 100.000 Versicherte sind in allen Altersgruppen im betrachteten Zeitraum Zuwächse festzustellen, wobei vor allem in der Altersgruppe der 75- bis 84-Jährigen sowie in der Gruppe der über 85-Jährigen ein besonders starker Zuwachs zu verzeichnen ist (Abb. 3).

Von 2011 bis 2014 wurden insgesamt 31.501 Patienten von einem VKA nach einer durchschnittlichen Einnahmedauer von 9 Monaten auf ein DOAK umgestellt, wobei dieses dann durchschnittlich 5 Monate eingenommen wurde. Während des gleichen Zeitraumes führten 5.409 Patienten einen Wechsel von DOAK nach durchschnittlicher Einnahmedauer von 5 Monaten auf einen VKA durch, mit einer darauffolgenden durchschnittlichen Einnahmedauer von 10 Monaten.

Fazit

DOAK werden immer häufiger ­Patienten, die älter sind als 80 Jahre, verschrieben. Es besteht aber ein Datenmangel hinsichtlich der ­Effizienz und der Sicherheit von OAK, sowohl VKA als auch DOAK, bei über 80-Jährigen. Es gibt einen dringenden Bedarf an Daten zu dieser Patientengruppe. Als erste Schritte sollten Subgruppenanalysen für Hochbetagte durchgeführt werden, so sie in ­vorangegangenen oder laufenden Studien zu OAK oder Vorhofflimmern erfasst wurden.

Literatur: